
Ernst Ludwig Kirchner, Straßenszene (Friedrichstraße Berlin), 1914, Öl auf Leinwand, Staatsgalerie Stuttgart
Nach dem Bruch der Künstlergemeinschaft »Brücke« begann Ernst Ludwig Kirchner Ende 1913 in Berlin seine berühmten Straßenszenen, mit denen er auf die Realität der Großstadt reagierte. Bildbeherrschend sind drei in Blau und Blaugrün gekleidete Kokotten mit aufgebrochenen Umrissen und einer ekstatischen Längung der Figuren. Sie führen einen Zug von Männern an, der sich in übersteigerter Verkürzung und schroffer Diagonale in der Tiefe verliert. Die geschminkten Gesichter der Frauen sind maskenhaft typisiert und die Männer in ihren schwarzen Anzügen und Hüten evozieren die anonyme, getriebene Menschenmasse der Großstadt. Die in hektischen Schraffuren eingefangene, dunkle Figurenprozession zeichnet sich silhouettenhaft von dem fahlen Grün und Schwefelgelb des flächigen Grundes ab. In eigentümlichem Gegensatz sind Randmotive wie das preziöse Hündchen oder die vom rechten Rahmen überschnittene Droschke in einem fleischfarbenen Roséton gehalten. Die harten Kontraste und flächenräumlichen Verspannungen, das keilförmige Gedränge und die holzschnitthafte Sprödigkeit der Schraffuren beschwören »in der Art von Kraftlinien« jenes »Gefühl, was über einer Stadt liegt« (Kirchner) in seiner pulsierenden Betriebsamkeit.